Westküste auf zwei Rädern

Zwei Fahrräder verbraucht, 900km zurückgelegt, x-tausend Kalorien verbrannt, viele Bekanntschaften gemacht und eine eindrückliche Landschaft erkundet. Die 12 Tage an der Westküste von neuseelands Südinsel hatten es in sich.

Zwei Berner Oberländerinnen mit mir gemeinsam in einem Auto – das ist zu viel des Guten. Ich kaufe mir in Queenstown auf der Strasse ein Rennvelo und mache mich Richtung Wanaka aus dem Staub. Die nächsten zwei Wochen plane ich die Westküste hoch zu fahren und in Nelson wieder auf Andrea und Daniela zu treffen, welche ihrerseits an der Ostküste mit unserem Auto hochfahren.

Bevor ich losgefahren bin, wollte ich mein Rennvelo „Summit“ oder „Peak“ taufen. Doch das knarren und andauernde eigenwillige Schalten in unmöglichen Situationen, lässt mich eher an „Muppet“ denken… Und dann passiert’s.. Pffffff… Nullkommanichts und mein Hinterrad steht nach etwas mehr als 30km ohne Luft da. Shit. Hätte ich doch nur einen positiveren Namen für das Rennvelo gewählt… oder noch besser auch ein Reparaturset gekauft (ich höre Micheli, Kumli und Simeli bis hier lachen…)! So stehe ich nun da auf offener Strecke – weit und breit kein Haus. Bei 18 Einwohner pro km2 nicht verwunderlich. Ich versuche mein Glück mit Autostopp. Prompt hält der erste Van an. Die nette Lady hat zwar keinen Platz im Auto aber fragt, ob Sie mir mit irgendwas dienen kann aber Platz habe Sie leider keinen. Naja… ein neues Bike vielleicht? Ich versuche es weiter und ernte nach rund 15 Minuten. Ein Pickup mit Kinderwagen auf der Ladefläche hat noch Platz für mein Zweirad. Mathew ist ursprünglich von Südafrika und wir haben eine amüsante Fahrt während seine zwei Kinder auf dem Rücksitz schlafen. Er lädt mich mitten in Wanaka direkt vor dem Sportgeschäft aus. Glück im Unglück… Der Velomechaniker macht grosse Augen als er das Rennvelo sieht und meint, ich solle nach 20 Minuten wieder kommen. Ich gönne mir schon mal ein Glace und hoffe mein Velo bald wieder in Empfang zu nehmen. Doch weit gefehlt. Der Mechaniker zeigt mir einige Rissstellen am Rahmen. Es stellt sich als Trek Rennvelo aus dem Jahre 1985 heraus, welches bereits Karbonteile am Rahmen verbaut hatte. Er rät mir definitiv ab, damit weiterzufahren. Ich sehe es ein – nicht auszudenken, wenn während der Fahrt der Rahmen bricht… Wer ist jetzt der Muppet?

Kaum gestartet und schon gestrandet – im wahrsten Sinne des Wortes – denn ich kühle mich erstmals im Lake Wanaka ab. Im Internet werde ich auf die Bike Lounge aufmerksam. Zu Fuss hin und per Bike zurück – ich komme zu einem idealen Tourenvelo, welches der Shop-Inhaber für einen Kollegen verkaufen soll. Ein Schnäppchen, da die Mietpreise für drei Wochen mit 400$ pro Bike teurer sind als mein gekauftes.

Voller Elan trete ich frühmorgens los und habe ein wesentlich besseres Fahrgefühl als auf dem alten Esel von Vorgestern. Dass es dann am „ersten“ Tag gleich 144km und über 2000 Höhenmeter von Wanaka bis Haast sein müssen, hätte ich auch nicht gedacht. Nun hat mich die Westküste und ich mache nebst Wanaka und Haast an folgenden Orten halt: Fox Glacier, Franz Josef Glacier, Hokitika, Greymouth, Westport und Murchinson. Ich übernachte in Backpackers. Schnell macht man Bekanntschaften. Deutsche, Engländer, Spanier, Brasilianer, Amerikaner, Franzosen, Holländer, Israelis und natürlich auch Schweizer sind momentan am meisten in Neuseeland unterwegs.

Immer wieder werde ich von entgegenkommenden Autoinsassen mit Jubel, Handzeichen und Klatschen angespornt. Das macht Freude! Durch die Radlerei mit rund 12 Kilogramm auf dem Buckel (mein Hintern erholt sich langsam wieder…) vernichte ich unglaublich viele Kalorien. Eine Tagesration sieht wie folgt aus. Zum Frühstück eine Packung Corn Flakes à 350gr. und einen Liter Milch sowie ein Yoghurt mit einer Banane und einem Apfel. Unterwegs gibt es Nüsse, Früchte und Getreidestängel und am Abend kann es eine Gemüsepfanne „Création Samuel“ sein: zwei Kartoffeln, zwei Tomaten, eine Zwiebel, eine Peperoni, eine Zucchetti, drei Rüebli. Darüber vier Eier schlagen und mit einem 350gr. Lamm Kotelette servieren. Zu meinem Erstaunen hatte ich dann auch noch Appetit auf Corn Flakes… Schwanger???

In Westport versuche ich mich im Surfen. Ich erwische einen Traumtag mit super Bedingungen. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen – aber es ist eine Sportart mehr, die mich fasziniert. Unterwegs sehe ich die Gletscherlandschaft, entdecke bei Nacht die Glühwürmchen in Hokitika sowie die Kunstgebilde am Strand, mache Halt bei den Pancake Rocks oder gehe in Greymouth kajaken. Ich bin beeindruckt von der Landschaft. Die Strasse gilt ganz zu Recht als eine der schönsten Abschnitte von Neuseeland. Links das Meer aus welchem immer wieder Felstürme herausragen und sich das Wasser daran peitscht. Dann die Strasse und rechts davon der Tropenwald mit unaufhörlichem Gezwitscher und Zirren. Die Sonne scheint in den Wald hinein und man kann förmlich sehen, wie sie die Feuchtigkeit aufsaugt.

In Westport mache ich mich in ziemlich starkem Nieselregen Richtung Murchinson auf. Nach rund 50km mache ich einen Mittagshalt. Nach dem Mittag finde ich den Tritt nicht mehr wirklich und mein Gefühl täuscht mich nicht: Das Hinterrad hat definitiv Luft verloren. Keine Ahnung wann, wo und wie. Ich kann gerade noch treten, muss dazu aber aus dem Sattel steigen, da sonst der Felgen gefährlich nahe am Teer rollt und droht, mir nicht nur den Schlauch kaputt zu machen. Ich habe ja nach wie vor kein Reparatur-Set gekauft und habe auf mein Glück vertraut… Da will es mir wohl einer zeigen ;-). Ich komme endlich bei einem Haus vorbei und frage nach einer Pumpe – Fehlanzeige. Weiter geht’s und langsam macht’s keinen Spass mehr. Ich komme zu einem Camper-Van und frage dort. Das holländische Paar kann mir leider auch nichts anbieten. Zwei weitere Autobesitzer entdecke ich auf einem Parkplatz  – auch nichts. Noch einmal trete ich in die Pedale aber muss gleich darauf bei einer weiteren Steigung Forfait geben. Ich strecke den Daumen raus. Vier Autos vorbei, darunter auch der holländische Camper. Die Sandflies sind so extrem aggressiv heute, dass ich in kurzen Hosen kaum ruhig dastehen kann. Ich hoffe, weiter oben evtl. einen Platz mit weniger Fliegen zu finden und steige noch einmal auf das Fahrrad. Nach 200 Metern kommt ein Campervan entgegen und hupt mir. Die Holländer! Sie haben gewendet und nehmen mich mit. Das Bike passt gerade in die Mitte. Endlich kann ich auch einmal mit so einem riesen Camper mitfahren :-). Es wird eine unterhaltsame Fahrt und nach einem Erinnerungsfoto mit mir, lassen sie mich in Murchinson raus. Im Anschluss finde ich im Backpacker „The Lazy Cow“ ein Bett und der Besitzer offeriert doch tatsächlich jedem Biker ein gratis Bier und hat sogar einen Jacuzzi! Zudem hat er Fahrradreparatur-Zeugs und eine Pumpe. Im Regen gestartet, auf der Strasse gestrandet und nun im Jacuzzi liegen. Ein auf und ab der Gefühle…

Die Abschlussetappe schlägt mit 125km und 1300 Höhenmetern zu Buche. Die Einfahrt in Nelson ist super – dank dem Veloweg kann man der Küste entlang fahren. Ich entschliesse mich den alten Eisenbahnweg, welcher nun ein Veloweg ist, zu nehmen und komme so ins Zentrum. Mein Blick schweift über die Stadt und ich glaub’s fast nicht. Auf einem Camping steht unser Auto – Kennzeichen BDW888. Was für einen Zufall.

So endet eine 12-tägige Fahrrad-Tour mit rund 900km und unzähligen Höhenmetern entlang der Westküste. Spontan organisiert, war es eine super Erfahrung und hat Spass gemacht. Das Reisen alleine ist auf jeden Fall anders. Ich habe die Zeit genossen und freue mich nun wieder zu zweit mit Andrea durchs Land zu ziehen.

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