Das zweitletzte Land auf unserer Reise heisst Kuba. Die Vorfreude ist gross auf das Land, auf das Wiedersehen mit meinen Eltern und natürlich auf Rum und Zigarren…
Unsere Reise durch die Nacht erspart uns zwar eine Zimmerübernachtung und war allemal besser als eine 13-stündige Flugtortour durch halb Südamerika. Doch ausgeschlafen nimmt man meistens unverständliches mit einem Lächeln – heute sind wir aber eher genervt, weil schon das Geldbesorgen im Flughafen nicht auf Anhieb klappen will. Noch beim Morgengrauen verlassen wir dann doch noch den Flughafen Richtung Havanna Zentrum. Die 30-minütige Fahrt führt uns eindeutig vor Augen – Kuba wird noch einmal ein ganz neues Pflaster auf unserer Reise um den Globus. Oldtimer, rauchende Ladas, alte Sowjetlastwagen, vollgestopfte Busse, Pferdewagen, Ochsengespanne, alle möglichen und unmöglichen Zweiräder und überall Leute. Willkommen in Kuba!
Wir quartieren uns in einem Casa Particulare (Privatunterkunft) im alten Stadtteil von Havanna ein. Noch trennen uns vier Tage von meinen Eltern welche wir zuletzt Ende Januar in Queenstown verabschiedet haben. Havanna, eine Stadt mit unglaublichen Gegensätzen. Hier den bis ins Detail renovierten Palast und gleich dahinter ein Beispiel von einem der bereits über 400 eingestürzten Gebäude der Altstadt. Da ein zahnloser Mann im Schaukelstuhl der Einzimmerwohnung sitzend mit Blick auf die Strasse. Es versteht sich von selbst, dass die Wohnung gleichzeitig für weitere zwei Generationen das zu Hause bedeutet. Dort eine junge, hübsche kubanische Lady, welche schon fast provozierend mit ihren teuren Accessoires durch die Strasse stiefelt. Geschenke der wohl meist älteren Herrschaften, welche sich den Single-Urlaub oft zu zweit versüssen. Am besten verdeutlicht ein Blick auf die Strassen das Zweiklassen-System. Neben dem Pferdewagen welcher Mittel zum Zweck und keinesfalls nur für touristische Zwecke benützt wird, kreuzt dann und wann auch ein neuer BMW oder Mercedes auf. Wer einen „Götti“ in Form von einem Verwandten oder Bekannten im Ausland hat, kann sich glücklich schätzen und von den Angeboten der Devisenläden mitprofitieren. Ansonsten besteht der Alltag darin, sich bis zum ausreizen des Erlaubten und mit allen kreativen Mitteln an die Pesos Convertibles (CUC) heranzumachen. Denn nach wie vor werden die Löhne der Staatsbetriebe in Pesos Cubanos (CUP) ausbezahlt (1 CUC = 25 CUP). Man kann sich vorstellen, dass ein Lehrerlohn von rund 400 CUP (mtl.) nicht als Anreiz dienen kann… Und hier scheitert für mich spätestens das sozialistische System – denn die Taxifahrt vom Flughafen ins Zentrum Havannas kostet 625 CUP. Verständlich, dass jeder etwas vom touristischen Kuchen haben möchte. Wer dies auf legale Weise, wie die Casas Particulares tut und auch offiziell als privater Vermieter angemeldet ist, wird dafür mit horrenden Steuern vom Staat gemolken. Die Vorteile Fidels und nun Rauls Sozialismus wie gratis Schulbildung, kostenlose ärztliche Versorgung und teils Rabatte oder gratis Lebensmittel (bspw. Reis oder Zucker), können für mich die offensichtlichen Nachteile nicht wett machen. Wenn ein Kofferträger durch Trinkgeld mehr verdienen kann als ein Arzt in einem Monat entlöhnt wird, stimmt wohl etwas nicht. Der Kubaner ist ein Stehaufmännchen und kreativ bis in die Fingerspitzen. Die pure Lebensfreude wie sie dann und wann in Reisemagazinen beschrieben wird, haben wir jedoch eher selten gesehen und wenn – dann half Rum gutmütig nach. Kommt man ausserhalb den Casas Particulares in Kontakt mit den Locals, so geht es letztlich nur um das eine… CUC. Fast könnte man meinen, wir hätten Kuba nicht schätzen gelernt. Stimmt nicht – wir haben sogar noch unser Visa vor Ort verlängert und haben fünf Wochen auf der grössten karibischen Insel verbracht.
Am 6. Oktober ist es soweit. Meine Eltern haben tatsächlich ein zweites Mal innerhalb einem Jahr einen über zehnstündigen Flug in Kauf genommen um uns zu sehen. Ich habe mir schon die verwunderten Zöllner in Zürich vorgestellt, welche sich verdutzt die Augen rieben…
Gemeinsam erkunden wir Havanna und nehmen zwei Tage später unser Mietauto in Empfang welches wir für 17 Tage gemietet haben. Vollgepackt führt unsere erste Reise nach Viñales. Noch ein wenig unsicher unterwegs, gelingt es uns dann irgendwann doch noch auf die Autopista zu finden. Jedoch in die falsche Richtung… kein Problem auf der Mehrspurigen Autopista – über den begrünten Mittelstreifen wendet man kurzerhand 180 Grad. Auch sonst sind es nicht nur die Schlaglöcher welchen man ausweisen muss. Pferdewagen, Velos, haltende Sammeltaxis und autostoppende Cubanos tauchen auf. Verkehr ist aber herzlich wenig unterwegs und so kommt man gut voran. In Viñales geht’s am nächsten Tag hoch zu Ross. Das Tal unterscheidet sich vom übrigen Kuba und ist wunderschön. Hier wird ein grosser Teil des berühmten kubanischen Tabaks angebaut. Ein Besuch einer Tabakplantage darf somit natürlich nicht fehlen, um die 160 Schritte bis zum Endprodukt zu verstehen. Schwimmen in einer Höhle ist ein weiteres Novum. Zwei Tage später quartieren wir uns in Cienfuegos ein. Die herrliche Dachterrasse unseres Casas ist alleine die 25 CUC für das Zimmer wert. Die Stadt mit dem längsten Prado und dem grössten Zuckerexporthafen der Welt besticht vor allem durch ihren kolonialen Charme. Aber auch die Laguna Guanaroca mit ihren Pelikanen und Flamingos sowie das Castillo de Jagua waren den Ausflug wert. Auf dem Weg nach Trinidad legen wir einen Stopp bei einem Bauernhof ein. Trinidad selber ist ein überschaubares Städtchen und bietet mit dem Plaza Mayor eine nationale Attraktion. Unser Zwischenziel heisst Holguín. Doch wir legen davor in Camagüey einen Übernachtungsstopp ein und logieren in einem weiteren Kolonialhaus mit Stiel. Einen Tag später ist es dann soweit. Wir klopfen in Holguín an die Tür von Omar. Nach 17 Jahren Briefkontakt zwischen meinen Eltern und ihm öffnet sich die Holztür und wir sehen uns das erste Mal live. Ein älterer Herr zeigt sich oben ohne. Wir werden nach kurzem Vorstellen in seine spartanisch eingerichtete Wohnung hereingebeten. Omar will unbedingt seine Frau dabei haben. Ich begleite Omar zum Spital um seine Frau, noch im Wartezimmer sitzend, abzuholen. Die anderen bleiben derweil in seiner Wohnung. Wieder vereint, beginnt ein munteres mehrsprachiges Gespräch. Der Besuch wird mit Süssigkeiten verkostet und auf der Strasse werden Früchte organisiert. Ein flüchtiger Blick in die Wohnung reicht, um zu verstehen, dass die jährliche Spende der Eltern hier mehr als angebracht ist. Nur notbedürftig wurde das Haus nach dem Taifun „Ike“ vom Jahr 2008 renoviert. Omars Sohn ist nach Guatemala geflohen und unterstützt seinen Vater nicht. Man kriegt die Härte des sozialistischen Regimes zu spüren und merkt, wie das europäische Alltägliche hier in Kuba noch ein täglicher Kampf ist. Der Abschied fällt allen nicht leicht und Omar meint „only a few hours together and it feels like family“. Wie Recht er doch hat. Wir verabreden uns für einen weiteren Besuch in einer Woche da wir eh nach Holguín zurückkehren werden.
Tags darauf zieht es uns nach Santiago de Cuba. Die Fahrt führt durch hügeliges Gelände nahe der Sierra Maestra – wo Castros Guerilleros sich damals versteckten. In Santiago quartieren wir uns mitten im Zentrum ein. Die Stadt erstickt teilweise fast im Abgas und die Hitze macht uns zu schaffen. Wir flüchten zum Castillo del Morro. Verdauungsmässig sind die Eltern angeschlagen und gönnen sich einen verdienten Ruhetag. Dann wird es nach vielen Städten Zeit um wieder einmal in die Natur zu kommen. Schon die Fahrt über Guantanamo und über die Passstrasse La Farola sorgen für intensive landschaftliche Eindrücke. Direkt vor der Haustüre in Baracoa liegt der Humboldt-Nationalpark sowie der Tafelberg El Yunque und wer Lust hat, findet hier auch einsame Strände. El Yunque liegt für die Eltern noch nicht drin aber bei der Wanderung im Nationalpark sind sie dann wieder mit von der Partie. Insgesamt verbringen wir vier Nächte in Baracoa und schätzen die Ruhe und das angenehme Casa Particulare. Die Fahrt zurück nach Holguín gestaltet sich dann bis Moa ein wenig anspruchsvoll. Die optimale Linie bei den vielen Schlaglöchern auf der Naturstrasse zu finden, ist mit vollgepacktem Auto nicht unwesentlich. Alles verläuft gut und wir finden uns ein zweites Mal in der Wohnung bei Omar und seiner Frau Dinga ein. Die beiden erwarten uns schon und Omar trägt sogar ein Hemd. Die Stunden vergehen wie im Nu und der tränenreiche Abschied ist legendär. Schon ist die gemeinsame Zeit mit den Eltern um und wir verabschieden uns am Flughafen in Holguín. Vollgepackt mit vielen Eindrücken fliegen sie über Havanna und Paris zurück nach Zürich. Wir haben noch etwas Schonfrist und wollen Kuba ein wenig länger geniessen als die erlaubten 30 Tage. So verlängern wir das Visum und spannen kurz in Gibara in einem Casa mit Meersicht aus. Für eine Nacht stoppen wir dann in Santa Clara (Che’s Stadt), logieren noch einmal in einem kolonialen Traum Casa und fahren dann direkt retour nach Havanna. Wir haben in den 17 Tagen mit dem Auto fast 3’000 Kilometer gemacht und sind froh, dass wir dieses unbeschädigt retour geben können. Übrigens hielt auch der Pneu durch, welcher von einem super fachkundigen Kubaner in Baracoa als kaputt deklariert wurde…
Per Bus fahren wir noch nach Varadero und entscheiden uns auch hier für ein Casa Particulare. Dieses liegt in unmittelbarer Nähe zum Strand, hat jedoch keinen Meerblick. Wir geniessen das „andere Kuba“ sind jedoch froh um unsere Einblicke, die wir auf unserer Reise durch das Land machen durften. Denn Varadero hat mit dem übrigen Kuba nur noch am Rande etwas gemeinsam. Per Sammeltaxi geht’s ein letztes Mal nach Havanna in „unser“ Casa um am nächsten Tag den Flieger nach Jamaika zu besteigen.