Indien – bezaubernd bis erschreckend

Zugegeben, Indien war bei unserer Reisevorbereitung dasjenige Land, welches uns am meisten beunruhigte. Nach gut fünf Wochen Indien haben wir nur einen kleinen Teil des immens grossen Landes erkundet. Nach einem kleinen Teil von Kashmir und Ladakh (Leh) haben wir nebst einigen Städten in Rajasthan auch die touristische Route (das goldene Dreieck um Delhi, Jaisalmer und Agra) erkundet. Im Süden blieb Zeit um in Kerala (Varkala) das Strandleben zu geniessen und die Eindrücke zu verdauen. Wie Andrea die Hygiene und Frauenstellung im Land beschäftigen, mache ich mir Gedanken zum touristischen Potential und den Herausforderungen des Landes. Nebst Gesprächen mit Einheimischen informieren wir uns auch über die aktuellen Themen in den lokalen Zeitungen. Zusammengefasst einige Gedanken über ein Land, welches uns bezaubert und zugleich erschreckt hat:

Frauenrecht & Sicherheit
Im Vorfeld von unserer Reise sind mehrere Medienberichterstattungen von Vergewaltigungen in Indien nach Europa durchgedrungen. Nach unserer Beurteilung ist dies nur die Spitze des Eisbergs der tatsächlichen Gewalttaten, welche tagtäglich gegenüber Frauen geschehen.

Die junge „moderne Generation“ kämpft mit den Glaubensbräuchen (Kastensystem) welche eine freie Heirat untersagt. Dabei wird je nach Kastenzugehörigkeit und Zahlungskraft der Familie der Tochter (nicht Sohn) deren Ehemann ausgesucht. Die Familie der Tochter kann die Mitgift (Geschenke wie Autos, Haushalt- und Elektrogeräte, etc. an die Familie des zukünftigen Ehemannes), welche offiziell eigentlich verboten sind, in den Ruin treiben. Man kann sich vorstellen, dass die Romantik hier auf der Strecke bleibt. Wer die Bollywoodfilme kennt, kann sich dies nur schwer vorstellen. A Propos Film: Von unserem Kinobesuch in Jaipur im Rai Mandir Kino waren wir begeistert – einerseits geht’s ab wie die Sau und andererseits hatten wir Glück einen extrem aktuellen Film zu diesem Thema zu sehen (Shudd Desi Romance). Im Film verliebt sich der Hauptdarsteller auf der Fahrt zu seiner eigenen Hochzeit in eine andere Frau und flieht prompt während der Heiratszeremonie. Kurzum wird die Thematik in moderner Art und Weise aufgezeigt (bei jeder harmlosen Kuschelszene ertönt übrigens ein riesen Gekreische und Klatschen der Zuschauer – bei 1500 Leuten im Saal ziemlich beeindruckend). Einen Tag darauf lese ich in der Daily Times of India, dass ein Vater seine Tochter und ihren Freund ermordet hat. Sein Kommentar: „Meine Tat war richtig um gegen die soziale Veränderung bei der heutigen Jugend anzukämpfen“. Der Zeitung war der Vorfall eine Randnotiz wert.

Die Alphabetisierung ist von Staat zu Staat unterschiedlich weit. Über alle Staaten gesehen können immer noch 26% (Jahr 2011) nicht lesen und schreiben. Wenn es nach der Tradition geht, wird die Frau nach deren Heirat auch nicht arbeiten. Ausnahme bilden dabei die gut bezahlten höheren Jobs bspw. beim Government. Ansonsten ist die Frau für den Haushalt zuständig – auf dem Land gehört dazu auch die Aufsicht zum Vieh.

Der hinduistische Glaube (80% der Inder) gibt den Leuten einerseits einen vorbestimmten Lebensweg, verhindert aber in vielen Aspekten eine zeitgemässe Weiterentwicklung des Landes. Die Sicherheit im Land kann aktuell speziell für Frauen nicht gewährleistet werden. Dabei ist die Korruption allgegenwärtig und spielt bei allem einen entscheidenden Faktor. Denn jeder ist Korrupt und „everyone is running after money.“

Infrastruktur
Auf unserer Reise haben wir oft gestaunt über die unterschiedliche Entwicklung der Infrastruktur. Hier einen modernen vierspurigen Highway und kurz darauf einen einfachen Landweg mit Schlaglöchern und genügend Potential für Achsenbrüche. Eine neue Metro in New Delhi welche dich in 20 Minuten ins Zentrum befördert soll den Strassen in der Hauptstadt Entlastung bringen. Doch dies bleibt vorderhand Wunschdenken. Die Strassen sind gerade zur Rush-Hour vollgestopft mit Taxis, Autos, Rikshas, TukTuk, Motorräder, LKW’s sowie Tiere. Es kann schon mal vorkommen, dass sich ein Elefant durch die Strassen zwängt.

Die Eisenbahn gilt als gefährlichste der Welt. Die Pünktlichkeit wird hier mit Stunden gemessen… dafür bleibt es ein zahlbares Verkehrsmittel für die Einheimischen (rund vier Stunden fahrt kosten knapp CHF 2).

Die Baumängel an Häusern nehmen zu – dies durch Kosten- und Zeitdruck und Schlamperei auf den Baustellen. Einstürzende Hochhäuser sind die Quittung. Die Stromversorgung ist nicht flächendeckend. In Leh hat jedes grössere Hotel seinen eigenen Dieselstromgenerator. Aber auch in den Grossstädten sind Stromausfälle an der Tagesordnung. Für uns keine Überraschung wenn man das Kabelgewirr entlang den Strassen und in den Städten beobachtet.

Touristisches Potential
Das Land bietet eine derart enorme Vielfalt an touristischen Highlights, das man ohne weiteres ein Jahr oder länger in Indien verbringen könnte. Die Landschaften bieten eine enorme Abwechslung. Von Wüstenlandschaften über fruchtiges Ackerland bis zu kargen Steinwüsten wechseln sich im Norden 6000er Berge und Gletschervorräte sowie Hügelketten mit eindrücklichen Waldgebieten ab. Die Küstenregionen bezaubern mit Palmenlandschaften und Sandstrand von weiss wie Schnee bis schwarz wie die Nacht.

Dazu gesellen sich über 30 kulturhistorische Denkmäler mit UNESCO World Heritage Charakter. Zudem nehmen auch Adventure Angebote wie Bike- und Klettertouren, River Rafting oder in den Küstenregionen allerlei Wassersportarten zu.

Die Märkte mit den exotischen Früchten und dem Gemüse sowie dem traditionellen Schmuck sind alleine schon eine Augenweide. Hier gehört auch das traditionelle Feilschen dazu. Je nach Markt und Stadt braucht es ein grösseres oder kleineres Nervenkostüm um sich den gewünschten Artikel zu ergattern. Ausserhalb der Märkte wären Fixpreise für Touristen wünschenswert und hilfreich. Verzaubert haben uns einige Einwohner – unvergesslich bleibt bspw. der Besuch bei der Gipsy-Familie in Lidder-Vat oder auch die Einladung in Srinagar bei der Familie von Kevin sowie unser Guide Nasir während dem Trek. Die Gastfreundschaft war beeindruckend und wurde von Julia und Nitheesh in Varkala zum Abschluss noch einmal zelebriert. Oft kam man sich auf der Strasse vor wie ein Star – vor allem Andrea war ein sehr beliebtes Fotomotiv – ich war (wohl als Bodyguard oder Taxidriver vermutet) auf den Bildern mehr geduldet als erwünscht…

Das Land vereint wohl italienischen Charme und Modebewusstsein, kulinarische Köstlichkeiten wie man sie aus Frankreich kennt, historische Ausrufezeichen wie sie beispielsweise in Thailand vorkommen und Adventure-Möglichkeiten wie sie in der Schweiz oder auch in Neuseeland angeboten werden.

Im Jahr 2010 besuchten rund 17,9 Millionen Gäste aus dem Ausland Indien. Zum Vergleich: In Malaysia waren es im gleichen Zeitraum 24,6 Millionen und in der Schweiz hatten wir laut Bundesamt für Statistik 8,6 Millionen Ankünfte aus dem Ausland. Bei einem Land mit 1,2 Milliarden Einwohner und den oben aufgezählten Möglichkeiten ist die Anzahl Gäste aus dem Ausland in Indien momentan gering. Der Staat erkennt das Potential und will in den nächsten fünf Jahren den Tourismusanteil am BIP von 9% auf zukünftig 12% erhöhen. Bei jeder Million Rupie die in den Tourismus fliest, werden 78 neue Jobs produziert – im Baugewerbe sind es zum Vergleich 45 Arbeitsstellen. Damit das Land aber zu einer erfolgreichen Tourismusdestination aufsteigt, gibt es ein wesentliches Ausschlusskriterium für den Gast – die Sicherheit. Nur wenn es den Verantwortlichen gelingt, diese zu gewährleisten, macht die Investition in den Tourismus Sinn.

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